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Praxisbegleitung Online bei der HWK Hamburg

Erfahrung aus einem digital geführten Modul mit Team- und Projektleiter*innen 

Auch die Handwerkskammer wurde von der Corona-Krise Mitte März kalt erwischt.  Für viele Mitarbeitende hieß das „Hals über Kopf ins Home Office“. Da kam es gut an, dass wir uns als Berater digital umgedacht haben. In Abstimmung mit der Personalleiterin Katja Jensen-Kamph wurde das Angebot gemacht, das dritte Modul der Praxisbegleitung online anzubieten. Ein komplettes Modul der Führungskräfteentwicklung von relations online durchzuführen, war ein komplett neuer Weg. Das aktuelle Lernteam der Team- und Projektleiter zeichnet sich durch große Diversität aus – von der Praktiker*in bis zum Teamcoach. Auch im Umgang mit online-Tools gab es unterschiedliche Voraussetzungen – technisch affine und weniger affine Menschen gibt es überall – auch hier. Hinzu kam die sehr unterschiedliche Betroffenheit von der Corona-Krise: Von Kurzarbeit über Home Office bis zu voller Auslastung in Präsenz. Diese Lücken zu schließen, war eine gute Erfahrung, der Prozess „Alle in einem Boot“ hat Energie und Zusammenhalt gefördert.

relations-Berater Albrecht Schürhoff

TOOLS UND METHODEN

Sehr förderlich war die gute Kommunikation in der Kundenorganisation, so dass wir unbürokratisch das von uns präferierte Tool „Zoom“ nutzen konnten. Parallel machten wir mit Google Präsentationen und Conceptboard wesentliche weitere Tool-Erfahrungen. Die Frage der Werkzeuge ist von der Didaktik nicht zu trennen: Frontalpräsentationen von Inhalten funktionieren in diesem Setting nicht. Gut funktionierten diese Tools als Basis für die kreative Beschreibung eigener Teams mittels vorab gefertigter Folien, für das eigenständige Verfassen von Texten (Journaling) und das Arbeiten mit Post-Its. Während ich ein KANBAN-Board erkläre, haben die kreativen Teilnehmer es schon eigenständig auf Conceptboard gefüllt. An dieser Stelle war ich mehr Facilitator als Trainer, was meinem eigenen Verständnis von Arbeit mit Führungskräften ohnehin nahekommt. Das Öffnen und Halten kreativer Räume bietet online auch für den Berater neue Perspektiven.

 

DIE GESTALTUNG DES DIGITALEN RAUMES

Das Arbeiten in Teilteams – innerhalb des Tools „Untergruppen“ genannt – war der eigentliche Clou. Egal ob in Zuordnung oder zufällig, funktioniert es als unmittelbare Einladung zum Generieren frischer Ideen. Auch wurde ein offener Reflexionsraum für den Jetzt-Zustand in der Corona-Zeit geschaffen, für das Lernteam eine wertvolle Erfahrung, für Einzelne innerhalb dieser Krise die erste Gelegenheit. Mit dem Plenum wechselnde Teilteam-Konstellationen sorgen online für eine ganz eigene Präsenzerfahrung. Während die „ganzheitliche“ Wahrnehmung online leidet, gab es eine „verdichtete“ Nähe aller Gesichter – eine nicht zu unterschätzende Erfahrung der Intensität. Zugleich entstand aus der als überwiegend positiv wahrgenommenen Erfahrung des Home-Office eine eigene Leichtigkeit und Offenheit im Austausch.

 

THEMATISCHE INHALTE UND FORTSCHRITT

Das Online-Modul bot inhaltlich eine reichhaltige Mischung von Themen der Teamführung, der Veränderung und der Agilität. Hier wurde ein erheblicher Grad von Aktualisierung und Durchdringung von Wissen erreicht. Die so erfahrene Intensität warf die Frage auf, wie denn jetzt der „Drang“ in die praktische Anwendung erreicht werden könnte.

„Jetzt müsste es weiter gehen“ war das geäußerte Bedürfnis.  Ein klar konzeptioniertes Blended Learning Konzept könnte hier auf den Weg gebracht werden. Zugegebenermaßen würde das Ressourcen erfordern, die in Corona-Zeiten nicht verfügbar sind. Also heißt die Perspektive „Segeln auf Sicht“: Zeitliche Brüche überwinden und schnell wieder in Kontakt sein – in einer hybriden Mischung aus analogem und digitalem Arbeiten.

 

WESENTLICHE ERKENNTNISSE

Zwischen Hypothese und Erkenntnis: Online können introvertierte Persönlichkeiten oft besser ins Spiel kommen. Vom Setting und den Regeln her fühlen sie sich ein wenig gleichberechtigter, denn analog schränken dominante Extravertierte ihren Raum oft spürbar ein. Die Regeln (Etiquette) der online Facilitation bringen sie ins Spiel, und manche haben ohnehin ein Faible für Technologie. Sie haben Spaß daran, weitere Facetten und Verlinkungen zwischen Tools auszuprobieren – während manche Extravertierte ungeduldig auf die nächste menschliche Interaktion warten. Ich erlebe auch bei introvertierten Kolleg*innen, dass sie zu absoluten Treibern dieser Lernform werden, die nun nicht mehr wegzudenken sind.

Gleichzeitig werden generell die räumlich-informellen Aspekte der analogen Kommunikation schmerzlich vermisst. Lernräume gestalten sich manchmal lockerer, wenn man dazwischen gemeinsam Kaffee trinken oder in die Mittagspause gehen kann. Für mich als Moderator bedeutet dies, die Unterschiede zwischen analogen und digitalen Räumen zu kennen. Online kann ich die informelle Kommunikation durch eine dynamische Vielzahl von Kleingruppen-Settings kompensieren. Ich kann allerdings auch virtuelle Achtsamkeitsübungen anbieten und Kaffeepausen einplanen. Und bei Meetings am Abend würde sich ein freiwilliges „Campfire“ anbieten – ein freier, lockerer Ausklang.

 

KULTURWANDEL

Online Learning versieht die Diskussionen über organisationale und Führungsthemen – wie bereits oben erwähnt – mit einer Portion Leichtigkeit und Offenheit. Das rührt nicht zuletzt daher, dass online Lernen an sich schon „Aufbruch“ signalisiert. Und es gibt nicht das Sitzformat im Kreis, das – neben vielen Vorteilen – eben auch feste Struktur werden kann, in der sich gefühlt subtile Formen von Macht und Status halten.  Das Thema „Wie kommt Bewegung in unsere Organisation?“ ließ sich online gefühlt noch leichter anstoßen als es vielleicht analog der Fall gewesen wäre. Es liegt keine Wertung darin festzustellen, dass ein „klassisches“ Unternehmen wie die Handwerkskammer von einem intensiven Dialog zwischen veränderungswilligen und konservativen Kräften gekennzeichnet ist.  „Wir brauchen eine digitale Strategie“ – dies war die einhellige Meinung der Team- und Projektleiter*innen – wir wollen vorn „dranbleiben“ an unseren Kunden. Wichtige Erkenntnisse sind jetzt während der Corona-Krise gewonnen und die Team- und Projektleiter*innen werden diesen Weg bestimmt aktiv unterstützen.