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Der Weg zu (mehr) unternehmerischer Verantwortung

Einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft leisten
Von Johannes Völschau, veröffentlicht am 14.07.2020

In diesem Artikel stellt Johannes Völschau sein Konzept zur nachhaltigen Organisationsentwicklung vor und gibt dabei hilfreiche Tipps zur Erlangung eines eigenen Verständnisses von unternehmerischer Verantwortung.

Der relations-Netzwerkpartner ist Experte für die Integration von Unternehmenskultur und gesellschaftlicher Verantwortung. Mit seinem Know-how ist Johannes Völschau für relations Ansprechpartner auf dem Weg, die für uns relevanten Aspekte von Nachhaltigkeit und CSR noch bewusster zu machen und uns diesbezüglich weiterzuentwickeln. Über unsere Erfahrungen und Erkenntnisse berichten wir dann demnächst hier auf unseren Seiten.

Mit diesem Gastbeitrag möchten wir zum Dialog über das Thema und über die Frage, was es für die eigene Organisation bedeutet, anregen. Es gibt dazu in der Gesellschaft und in den Unternehmen unterschiedliche und zum Teil kontroverse Positionen, zwischen denen Brücken gebaut werden sollten. Im Dialog entstehen Lösungen.

Was ist unter unternehmerischer Verantwortung zu verstehen und wie kann es gelingen,
nachhaltiges Handeln im Unternehmen zu etablieren?

Unternehmerische Verantwortung, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung, Corporate Social Responsibility. Das Kind hat viele Namen und doch liegt allen Begrifflichkeiten der gleiche Gedanke zu Grunde: Gewinnmaximierung und Wachstum als oberste Ziele einer Unternehmung reichen heute nicht mehr aus, um den Erfolg zu messen. Oder wie Dr. Elmer Lenzen, Chefredakteur der Zeitschrift UmweltDialog, es kürzlich formulierte: „Die Menschen erwarten von Unternehmen, dass sie einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft leisten.“

So überzeugend diese Idee erscheint, so schwierig mutet der Weg dorthin an, sodass er oft erst gar nicht angetreten wird. Doch bekanntlich beginnt jede Reise mit dem ersten Schritt und der ist manchmal schneller getan, als man denkt. In diesem Artikel werde ich daher auf zwei Fragen eingehen, die am Anfang des Weges hin zu einem verantwortungsvollen Unternehmen stehen. Erstens, was ist unter unternehmerischer Verantwortung zu verstehen? Und zweitens, wie gelingt es ohne großen Aufwand, diese Gedanken im Unternehmen zu etablieren?

Was bedeutet unternehmerische Verantwortung?

Nähern wir uns einer Antwort auf diese Frage, indem wir die eingangs genannten Begriffe in einen sinnvollen und hoffentlich erhellenden Zusammenhang bringen – Unternehmerische Verantwortung, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung, Corporate Social Responsibility. Im Kern versuchen sie alle so etwas wie ein „gutes“ Unternehmen zu beschreiben. Zu Grunde liegt ihnen allen die Idee, dass das eigene unternehmerische Handeln niemandem schaden und im besten Fall allen Betroffenen Nutzen stiften sollte. Für Sie stellt sich also die Frage: Wie beeinflusst das Handeln meiner Organisation andere und die Umwelt? Wie also kann ich mich als Unternehmen ethisch korrekt verhalten? Wie kann ich als Unternehmen verantwortungsvoll handeln? (Unternehmerische Verantwortung) Und zwar verantwortungsvoll gegenüber der Gesellschaft, welche an dieser Stelle die Umwelt mit einschließen soll. Ebendieser Gedanke findet seinen wörtlichen Niederschlag im englischen Begriff Corporate Social Responsibility, kurz CSR, welcher auch im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist. Wobei social nicht mit sozial, sondern mit gesellschaftlich übersetzt werden sollte. Es geht also um die gesellschaftliche Verantwortung. Oder anders formuliert, um die unternehmerische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. In der Praxis wird hierzu auf das Konzept der Nachhaltigkeit zurückgegriffen.

Das Konzept der Nachhaltigkeit setzt sich aus drei Säulen zusammen: Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Ziel ist es, die Belange aller drei Bereiche in gleichem Maße gleichzeitig zu berücksichtigen. Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit entstammt dem so genannten Brundtland-Bericht von 1987 und fordert, die heutigen Bedürfnisse auf eine Weise zu befriedigen, die auch zukünftigen Generationen eine Befriedigung ihrer Bedürfnisse erlaubt. Unser heutiges Handeln darf also auch zukünftigen Generationen nicht schaden. Es müssen entsprechend auch langfristige Auswirkungen berücksichtigt werden.

Da die Wirtschaftlichkeit einer Unternehmung ein hinlänglich bekanntes Ziel und mögliche Maßnahmen, dieses zu erreichen, ebenso bekannt sein dürften, sind sie doch zentraler Gegenstand der herkömmlichen Betriebswirtschaftslehre, werde ich mich an dieser Stelle auf die anderen beiden Säulen der Nachhaltigkeit fokussieren.

Die Umwelt des Unternehmens lässt sich aus einer einfachen Input-Outputperspektive betrachten. Auf der einen Seite die Frage: Welche Ressourcen nutzt das eigene Unternehmen und wird dies auch zukünftigen Generationen möglich sein, oder wird die Umwelt durch das eigene Geschäft ausgebeutet? Und auf der anderen Seite die Frage: Welche Emissionen gibt das eigene unternehmerische Handeln an die Umwelt ab und sind diese schädlich? Diese beiden Fragen gilt es für das eigene Unternehmen zu beantworten. Hierzu wäre die Entwicklung entsprechender Kennzahlen und Zielgrößen notwendig.

Etwas komplexer wird es bei der Säule des Sozialen. Hier ist zunächst einmal zu klären, wer denn eigentlich mit „den anderen“ gemeint ist. Im Nachhaltigkeitskontext wird hierbei von Stakeholdern gesprochen. Also von Anspruchsgruppen, welche durch das eigene unternehmerische Handeln berührt werden – beispielsweise die eigenen MitarbeiterInnen, die KundInnen, die Zulieferer und sonstige Geschäftspartner, aber auch MitarbeiterInnen in der weiteren Lieferkette oder die lokale Gemeinschaft, in der das eigene Unternehmen angesiedelt ist. In Bezug auf jede Anspruchsgruppe stellt sich dann wieder die Frage, was getan werden muss, um sie nicht negativ zu beeinflussen und wie der größtmögliche Nutzen für sie gestiftet werden kann. Eine Erfassung der Anspruchsgruppen und ihrer Belange wäre ein erster Schritt. Anschließend sollte eine Priorisierung erfolgen, um Ressourcen angemessen verteilen zu können.

Es lassen sich an dieser Stelle also drei Zielsetzungen unternehmerischer Verantwortung festhalten:

  1. Anderen und der Umwelt durch das eigene Handeln nicht schaden.
  2. Anderen und der Umwelt durch das eigene Handeln einen Nutzen stiften.
  3. Zukünftigen Generationen ermöglichen, ihre Bedürfnisse befriedigen zu können.

Der erste und der zweite Punkt können dabei als eine Art Kontinuum gesehen werden, von negativem, über keinen hinzu positivem Einfluss des eigenen Unternehmens auf die Gesellschaft und die Umwelt.

Verantwortungsvolles Handeln in vier Schritten im Unternehmen etablieren

Die zweite Frage, der in diesem Artikel nachgegangen werden soll, ist, wie ein zuvor beschriebenes, verantwortungsvolles Handeln im Unternehmen umgesetzt werden kann.Ich möchte vier Schritte aufzeigen, welche Ihnen den Einstieg erleichtern.

  1. Bewusstsein schaffen

Es mag verwundern, aber mir scheint, den ersten Schritt haben Sie bereits gemacht. Sie befinden sich bereits auf der Reise, denn wenig überraschend beginnt der Weg hin zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen unternehmerischen Verantwortung mit dem Bewusstsein für diese Thematik. Ohne dieses würden Sie wohl kaum diesen Artikel lesen. Dieses Bewusstsein könnte sich auf zwei Weisen in Ihrem Unternehmen entwickeln. Der wohl häufigste Weg ist ein besonderes Bewusstsein der Unternehmensführung für unternehmerische Verantwortung. Diese trägt es dann in das Unternehmen. Aber auch die Gegenrichtung lässt sich beobachten, wenn die Initiative aus der Mitarbeiterschaft kommt. Hier gilt es langfristig, auch die Unternehmensführung von den Gedanken unternehmerischer Verantwortung zu überzeugen. Eine Herausforderung stellt dabei oft die Darstellung des Nutzens entsprechender Bemühungen dar. Neben direkten Kosteneinsparungen durch reduzierten Ressourcenverbrauch wäre dabei unter anderem auch die Erschließung neuer Geschäftsfelder durch nachhaltige Produkte denkbar.

  1. Gemeinsames Verantwortungsverständnis entwickeln

Ist das Bewusstsein für unternehmerische Verantwortung vorhanden, die Organisation hierfür sensibilisiert und der Entschluss gefasst, dieses Thema stärker in der Organisation zu etablieren, wäre der nächste Schritt ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, was genau unter unternehmerischer Verantwortung verstanden werden soll. Hierbei sollte sich an den Werten der Organisation orientiert werden.

Dieser Schritt mag eventuell trivial klingen, beinhaltet jedoch wegweisende Komponenten. Wird die Idee einer gemeinsamen, die gesamte Organisation betreffenden Entwicklung eines Verantwortungsverständnisses ernst genommen, unterscheidet sich der Prozess und das Ergebnis erheblich von einem Top-Down Ansatz. Dieser könnte bspw. wie folgt skizziert werden:

Externer Druck durch gesellschaftliche Akteure zwingt die Unternehmensführung zur Etablierung von CSR-Maßnahmen. Mit dem Ziel, die Mindestanforderungen eines Nachhaltigkeitsberichtstandards zu erfüllen, wird eine Stabsstelle „Nachhaltigkeitsmanagement“ eingerichtet. Diese fällt in das Ressort des Qualitätsmanagements. Ziel ist es, entsprechende Kennzahlen zu erfassen, die die Veröffentlichung eines marketingwirksamen Nachhaltigkeitsberichts ermöglichen.

Ohne den Verdacht des Greenwashing bemühen zu wollen, liegt nahe, dass ein solches Vorgehen zwei Probleme mit sich bringt. Erstens wird die unternehmerische Verantwortung in diesem Fall nicht in den Tiefenstrukturen der Organisation verankert, sondern bisherigen Abläufen lediglich als zusätzliches Element hinzugefügt. Herkömmliche Praktiken werden aber beibehalten. Zweitens scheint die unternehmerische Verantwortung somit im Konflikt zu sonstigen Tätigkeiten zu stehen. Dies erschwert die Umsetzung.

Wird unternehmerische Verantwortung hingegen von innen heraus entwickelt und steht nicht als Fremdkörper neben den übrigen Abläufen in der Organisation, stellt sie ganz einfach dar „wie in diesem Laden gearbeitet wird“. Wertschöpfung und unternehmerische Verantwortung werden also untrennbar miteinander verbunden. Sie wird damit integraler Bestandteil des unternehmerischen Handelns. Die Umsetzung wird auf diese Weise deutlich einfacher, da nicht mehr um knappe Ressourcen zwischen wertschöpfender Tätigkeit und Unternehmensverantwortung gebuhlt werden muss. Voraussetzung ist jedoch, dass der Prozess der Auseinandersetzung mit der unternehmerischen Verantwortung von der Organisation als Ganzes durchlaufen wird.

  1. Relevante Stakeholder identifizieren

Ist nun also ein gemeinsames Verständnis von unternehmerischer Verantwortung entwickelt, stellt sich die Frage, wem gegenüber denn eigentlich Verantwortung übernommen werden sollte. Die Frage ist also, nach den zuvor bereits angesprochenen Stakeholdern des Unternehmens. Es gilt nun zu identifizieren, auf wen die Aktivitäten des eigenen Unternehmens Auswirkungen haben. Die Umwelt kann hierbei durchaus als ein Stakeholder angesehen werden. Auch wenn im Einzelfall zu überlegen ist, wer in welchem Maße zu berücksichtigen ist, so sind die MitarbeiterInnen, die KundInnen, die Geschäftspartner, die Partner in der Lieferkette sowie die lokale Gemeinschaft des eigenen Unternehmens sicherlich unumgänglich. Aber bspw. auch Händler, die die eigenen Produkte verkaufen, könnten als Anspruchsgruppe identifiziert werden.

  1. Status Quo und Potenziale erfassen

Im letzten Schritt geht es nun um die Frage: Wie verantwortungsbewusst handeln wir bereits und wo sollten wir noch verantwortungsvoller werden? Dabei könnten wiederum zwei Aspekte betrachtet werden. Zum einen, wo im Unternehmen ggf. Maßnahmen nötig wären und zum anderen die Frage, was verantwortungsvolles Handeln bedeutet. Jeweils wäre in einem ersten Schritt zu beurteilen, wo das eigene Unternehmen bereits steht und an welchen Stellen noch Handlungspotenzial besteht.

Mit Blick auf den ersten Aspekt wäre es das Ziel, die Stellen und Handlungen im Unternehmen zu identifizieren, an denen unternehmerische Verantwortung übernommen werden sollte. Verschiedene Hilfsmittel, welche versuchen, das Unternehmen zu strukturieren, um einen besseren Überblick zu erhalten, können dabei herangezogen werden. Beispielsweise könnte sich an der Wertschöpfungskette, dem Business Model Canvas, am Organigramm oder aber an den Prozessen in der Organisation orientiert werden. Welcher Rahmen tatsächlich hilfreich ist, muss im Einzelfall geklärt werden. Je nach Bezugsrahmen wäre es dann das Ziel, für die jeweiligen Teilbereiche zu überlegen, wie sich ein verantwortungsvolles Handeln gestalten könnte.

Die Frage, was unter unternehmerischer Verantwortung zu verstehen ist, wurde bereits im ersten Teil dieses Artikels angesprochen. Dabei liefern verschiedene Richtlinien und Standards zur Berichterstattung über Nachhaltigkeitsbemühungen, wie etwa ISO 26000, GRI, DNK, UN Global Compact, Anhaltspunkte und Ideen.

Zwei Punkte möchte ich an dieser Stelle hervorheben.

Zum einen möchte ich dafür plädieren, unternehmerische Verantwortung möglichst breit zu verstehen. Es handelt sich hierbei nicht nur um den ökologischen Fußabdruck und auch nicht nur um die Einhaltung von Menschenrechten in der Lieferkette. Ebenso könnte die Ermöglichung einer sinnstiftenden Tätigkeit, eine wertschätzende und vertrauensvolle Unternehmenskultur oder eine zukunftsweisende technologische Ausrichtung ein Bestandteil der unternehmerischen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sein.

Zum anderen wird bei einem solch breiten Verständnis unternehmerischer Verantwortung deutlich, dass viele Unternehmen bereits mehr tun, als ihnen bewusst ist. Dies soll natürlich nicht bedeuten, dass keine weiteren Anstrengungen unternommen werden müssen. Vielmehr soll zum Ausdruck kommen, dass an den bisherigen Aktivitäten angeknüpft werden sollte und auf diese Weise authentisch, und an den Werten des Unternehmens orientiert, gehandelt wird. Außerdem wird hierdurch deutlich, dass unternehmerische Verantwortung in den meisten Fällen seit jeher ein unbewusster Bestandteil unseres wirtschaftlichen Tuns ist und somit nicht im Widerspruch zur unternehmerischen Tätigkeit steht.

Heutzutage jedoch führt an einer bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen unternehmerischen Verantwortung kaum ein Weg vorbei, wie aktuelle Beispiele immer wieder auf teils tragische Weise zeigen. Unternehmerische Verantwortung im Sinne der Nachhaltigkeit zu verstehen ermöglicht dabei eine anschlussfähige Etablierung im Unternehmen. Eine unternehmensweite Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und der unternehmerischen Verantwortung kann dabei einen gangbaren und „nachhaltigen“ Weg darstellen. Auf diese Weise kann es gelingen, den eingangs erwähnten Erwartungen der Menschen an die Unternehmen, einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, gerecht zu werden. Lassen Sie uns gemeinsam den Weg zu mehr unternehmerischer Verantwortung gehen. – Den ersten Schritt haben wir schon geschafft.