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Die Zukunft der Arbeit, Teil II New Work und anderes Spielzeug

Veröffentlicht am 13. Januar 2020

„Spielen ist eine grundlegende menschliche Aktivität, die Kreativität erfordert und fördert sowie für Arbeit als auch in der eigenen Lebensgestaltung   Energie und Handlung freisetzt.“ Traute Müller

Die Feiertage sind vorbei, das neue Jahr ist vor allem eins, sehr frisch. Und das sind auch viele Ideen, die viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neben guten Vorsätzen haben. „Weniger arbeiten, mehr leben“ steht hierbei jahrein, jahraus an oberster Stelle, so auch in diesem Jahr. Mehr Zeit für Freunde und Familie, mehr Zeit für Hobbies, mehr Zeit für … Da passt es ungemein, dass gleich zu Jahresanfang über neue Arbeitsformen diskutiert wird, nämlich Arbeitszeitverkürzung, Homeoffice, Jobsharing und Teilzeit.

Ausgelöst wurde die Debatte von Finnlands neuer Premierministerin Sanna Marin, 34 Jahre alt, deren Idee einer viertägigen Arbeitswoche, optimalerweise mit nur sechsstündigen Arbeitstagen, medial auch in Deutschland aufgegriffen wurde. Das Thema ist nicht neu. Was jedoch neu ist, ist der kulturelle Kontext, es geht nämlich, um New Work, mal wieder, und damit um die Frage, wie die Zukunft der Arbeit aussieht.

Angesichts der digitalen Transformation, die auch die Verdichtung der Arbeit beinhaltet,  ist ein neuer Impuls zur Verkürzung der Arbeitszeit durchaus ein guter Entwicklungsschritt. Gibt es uns doch die Chance, eine Arbeits- und Lebenswelt weiterzuentwickeln, die produktive und sinnerfüllte Arbeit mit individuellen und familiären Wohlbefinden verbindet.

Denn die Aussicht auf einen grauen, unflexiblen Büroalltag mit starren Hierarchien und einem durchstrukturierten Nine-to-five-Job zählt heute nicht mehr zu den Wunschvorstellungen von moderner Arbeitswelt, auch dann nicht, wenn der Arbeitsplatz als vermeintlich sicher gilt. Unternehmen und einzelne Personen brauchen heutzutage die Bereitschaft, neue Lösungen zuzulassen. Das bedeutet, Vertrauen in die Kreativität zu setzen, Alltagsszenen so umzugestalten, dass neue Wege möglich sind – und man mit Spaß bei der Sache ist.

Die Welt ist meine Bühne

„Jeder Mensch hat ein kreatives Potenzial“, sagt Traute Müller, Co-Geschäftsführerin von relations. „Zum kreativen Potenzial gehört auch immer das Spielerische und damit das Spiel. Die eigene Kreativität zu fördern, gar wieder zu entdecken oder neu zu beleben, ist eine meiner Coaching-Kernaufgaben für einzelne Führungskräfte und auch für Organisationen. Dabei wird szenisch gearbeitet, frei nach dem Motto „Die Welt ist (m)eine Bühne“. Die Fragen nach innerem Wachstum und damit einhergehenden Veränderungen lassen sich so auch ohne viel Worte exzellent erfahren. Entscheidungssituationen des Führungsalltags können u.a. im Raum mit Symbolen abgebildet werden, und die Optionen werden dann im Spiel erlebt. Moreno nennt das „die Wahrheit der Seele durch Handeln zu ergründen.“  

„Es ist heute ungemein wichtig, sowohl für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als auch für Führungskräfte geschützte Räume zu eröffnen, in denen sie experimentieren und sich auch entwickeln können“, stellt Traute Müller fest. Zukunft gestalten heißt in der szenischen Arbeit beispielsweise, herauszuarbeiten, welche Veränderungen angestrebt und wie sie in Handlung umgesetzt werden können.

Kreativer Wertewandel

Ebenso wenig, wie der Ruf nach neuen Arbeitsformen neu ist, ist die szenische Arbeit, die auch unter Namen wie Stehgreiftheater, Playbacktheater oder Psychodrama bekannt ist, neu. Sie wurde bereits Anfang der 1920er Jahre in den USA von dem österreichisch-amerikanischen Arzt Jabob Levy Moreno entwickelt. Neu ist auch hier die gruppendynamische Arbeit mit Blick auf den Wertewandel im kulturellen Kontext, der durch Globalisierung, digitale Transformation und den Ruf nach New Work richtig Fahrt aufgenommen hat. Mitgewachsen ist dabei auch das Credo von Jacob Levy Moreno, nämlich dass Handeln heilender ist als reden.

„Im Werteverständnis von New Work verlangt Führung heute ein agiles Führungsverständnis, Möglichmacher statt Bedenkenträger, Coach-Fähigkeiten, Vermittlungskompetenz und die Fähigkeit, gut zuzuhören. Ab den frühen 1980er Jahren hießen die Führungswerte Förderung von Zusammenarbeit und Teilhabe, ein Selbstverständnis als Leader zu haben, Unterstützen, Überzeugen und Vermitteln“, sagt Traute Müller. Diesen Wertewandel gibt es mitnichten nur auf der Führungsebene, sondern er findet sich auch in der Organisation, der Unternehmenskultur sowie der Haltung.

„Einiges ist natürlich gleichgeblieben: Verantwortungsübernahme und permanente Lernbereitschaft sind heute noch genauso gefragt wie in den 80ern. „Doch hat sich diesbezüglich das Umfeld, in diesem Fall die Haltung geändert. Zu den heutigen Haltungswerten der New Work-Generation zählen Selbstkompetenz und ein Menschenbild der Autonomie sowie Neugierde und Flexibilität. In den 80ern hieß das Werteumfeld „Menschenbild der Potenzialentwicklung“, Offenheit und Zielorientierung verbinden, Gründlichkeit und echtes Engagement“, so Müller weiter.

Bei all den Vergleichen und Gegenüberstellungen sei es jedoch wichtig, nicht alles über einen Kamm zu scheren und jedes Unternehmen wie auch jede Branche unter New Work Aspekten zu betrachten. „Förderung von Kreativität braucht Raum und einen klaren Rahmen“, sagt Müller, „es ist nicht förderlich, wenn der Vorgesetzte jede Woche mit einer neuen Idee reinkommt und sein Team mittelfristig mit seinen Kreativitätsschüben verunsichert. Eine gesunde Skepsis sei dann angebracht, wenn Kreativität überidealisiert würde. Weder würden von einem Busfahrer noch von einer Krankenpflegerin kreative Interpretationen ihres Berufes erwartet. Dennoch gibt es in jedem Beruf neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Eine gute Prise Pragmatismus

„Wir verstehen uns in unserem Beratungsangebot durchgehend als Brückenbauer, die Welten miteinander verbinden. Unsere Kunden sind überwiegend bodenständig, dabei offen für neue Wege. Die dürfen ausprobiert und gegangen werden, doch dann wird es auch pragmatisch, es muss geschaut werden, was geht und wieviel man sich vom Budget her leisten kann. Arbeit ist kein Selbstzweck, auch nicht bei New Work“, sagt Traute Müller. Und fügt lächelnd hinzu, dass es natürlich Ausnahmen gäbe. Das Spiel gehöre dazu. Zwei Fragen können hierbei den Stein ins Rollen bringen: „In welchen Spielen bin ich als Kind ganz und gar aufgegangen?“ Und: „Kommt das Spiel in meinem Leben heute überhaupt noch vor?“ Ob in Großveranstaltungen oder im Coaching in Teams, das Spiel kommt in keiner szenischen Arbeit von Traute Müller & Team zu kurz. Im Gegenteil: „Spielen ist keine Trägheit, es ist vielmehr höchste Kraft. Es ist die kreative Grundlage, um altes neu zu sehen, Probleme zu lösen oder einfach neue Wege zu gehen“, so Traute Müller.

Sandra Goetz für relations GmbH