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Die Zukunft der Arbeit I Culture Clash & New Work

Veröffentlicht am 14. November 2019
Vor wenigen Tagen schlug eine Nachricht mit viel Wirbel ein. Dabei ging es um eine Personalie: Der einvernehmlichen Trennung von Digital-Chefredakteurin Julia Bönisch und deren Arbeitgeber, die Süddeutsche Zeitung, genau genommen Süddeutscher Verlag GmbH.

Bönisch, Jahrgang 1980, stand nicht nur für ein neues Selbstverständnis, sondern ebenso für einen Generationenwechsel an der Spitze einer noch immer einflussreichsten Zeitungen Deutschlands. Ausgangspunkt der Entzweiung zwischen Verlag und ihrer jungen Digitalspitze soll ein Gastartikel sein, den die Journalistin für die Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ für das etablierte Branchenmagazin „der journalist“ geschrieben hat. Die Überschrift ist: „Wir brauchen gute Manager an der Spitze von Redaktionen“.

Wenn man von der manchmal etwas flapsigen Tonalität absieht, beschreibt Bönisch stellvertretend für eine ganze Branche eines: Die Notwendigkeit einer veränderten Führungskultur im Verlagswesen, allen voran in Redaktionen unter der Flagge der digitalen Transformation. Eine ihrer Thesen hierfür lautet: „Die Digitalisierung fordert nicht nur von redaktionellen Mitarbeitern aller Bereiche, sondern auch von einem Chefredakteur, einer Chefredakteurin heute ganz andere Fähigkeiten als noch vor 20 oder 30 Jahren. Wir sind mitten in einem Generationenwechsel – vom Schreiber hin zum Manager.“

Dass diese These nicht neu ist und mitnichten allein das Verlagswesen betrifft, ist offensichtlich. Schließlich befinden wir uns alle seit mehr als zwei Jahrzehnten im Prozess der digitalen Transformation. Staat, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Gesellschaft – niemand ist davon ausgeschlossen. – In ihrem Gastartikel spricht Julia Bönisch dabei zwei Ebenen an, die ich gerne herausgreifen möchte, sind diese doch substanziell für einen Begriff, der als Megatrend der Arbeitswelt gilt, nämlich New Work.

Die erste Ebene, die es zu hinterfragen gilt, seien die gewohnten Hierarchien und linearen Top-Down-Strukturen. Von diesen gelte es sich, laut Bönisch, zu verabschieden. Die zweite Ebene beträfe nicht die Organisation, sondern das eigene Leben mit der Fragestellung, welche Werte man leben wolle. Ohne, dass Bönisch New Work mit einem Wort erwähnt, ist ihr gesamter Gastartikel genau von diesem Megatrend und der Frage nach der Zukunft von Arbeit durchdrungen.

An dieser Stelle ist interessant zu wissen, dass der Begriff New Work auf den österreichisch-US-amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann zurückgeht, und New Work seinen originären Ursprung damit nicht in den Wirtschaftswissenschaften hat. Bergmann, 1930 in Sachsen geboren, hat in Princeton studiert, Lehraufträge in Stanford und Berkeley innegehabt, und mit seinen Fragen zur Zukunft der Arbeit Regierungen, Unternehmen, Gewerkschaften und Kommunen beraten.

Neue Arbeit, heißt Arbeit neu denken

Die Struktur von Arbeit, die Sinnhaftigkeit nach Arbeit als auch die Technologisierung und – neu – Digitalisierung von Arbeit sind drei Sphären, die vollkommen neu als Zukunft der Arbeit beschrieben werden. Inkludiert ist dabei ein ebenso wichtiger Punkt: Innovationsfreudigkeit.

Mit „New Work“ haben wir ein Wort, dass nicht richtig trennscharf ist. Dennoch ist es ein guter Begriff, denn das neue Arbeiten hat viele verschiedene und vor allem auch neue Gesichter. Einige Beispiele: Wir wissen aus unserer eigenen, langjährigen relations-Beratungserfahrung, dass sich das Verständnis von Leitung komplett wandelt. Den klassischen Typ von Chef hatten wir gestern. Heute geht es immer mehr darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Vorgesetzte, sei es fachlich oder disziplinarisch, sind dazu aufgefordert, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Ausübung ihrer Arbeit so behilflich wie möglich zu sein. Es geht dabei vor allem um ein lösungsorientiertes Miteinander.

Ein weiteres Merkmal betrifft den Umgang in der Ansprache miteinander. In Deutschland war es lange undenkbar, sich zu duzen. Das ändert sich gerade. Branchenspezifische Unterschiede gibt es natürlich noch immer. Das Verlagswesen oder Startups kommen eher aus einer Duz-Kultur, während Versicherungs-, Finanz-, Automobil- oder auch Baubranche traditionell konservativer und Sie-verhafteter sind. Doch auch in diesen Branchen werden, wenn auch im Kleinen, neue Pfade betreten.

Antworten auf die Komplexität von heute und morgen

Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass New Work die Antwort auf Dinge ist, die schon lange nicht mehr funktionieren. Dazu gehört, beispielsweise, die Zuverlässigkeit von langfristigen Projektplanungen und der Versuch, Situationen zu beherrschen, die – aus unterschiedlichen Gründen – nicht beherrschbar sind. Und damit wären wir mitten drin in der heutigen Ursachenbenennung Bedeutung von New Work: Globalisierung, Digitalisierung, Konnektivität, demografischer Wandel und Wertewandel.

Wir haben es in allen Bereichen mit einem Paradigmenwechsel zu tun, der wiederum u.a. auf Organisation, Kultur, Arbeitsbedingungen, Führung und Karriere unvorhersehbare Auswirkungen hat und für viele Beteiligte als eine Art „Culture Clash“, Kulturkampf, empfunden wird. Als Unternehmensberater und Coaches sind wir gefordert, Antworten auf die Komplexität dieser Paradigmenwechsel für unsere Kunden zu geben. Das gelingt uns mit Workshops zu New Work und den implizierten lösungsorientierten Methoden wie Design Thinking und Open Space.

Aber es sind natürlich nicht die Workshops und Methoden allein, die zum Einsatz kommen. Essentiell ist der Mut. Denn Veränderung, egal in welchem Bereich, hat immer etwas damit zu tun, altbekanntes, lange bewährtes, zu verlassen. Wie schwierig das sein kann, habe ich mit dem aktuellen Beispiel der Journalistin Julia Bönisch und ihrem Arbeitgeber gezeigt. Es gibt davon noch viel mehr, aber nicht alle sind so prominent in den Zeitungen zu finden. Vieles findet hinter verschlossen Türen statt und das ist auch gut so.

Als Unternehmensberatung sind wir Teil dieses Prozesses hinter verschlossenen Türen. Denn Mut ist eine unserer Kernaufgaben. Nämlich unsere Kunden zu befähigen, Arbeitsprozesse oder Dinge zu verlassen, die sie gut kennen, mit denen sie vertraut sind und neue Schritte zu gehen. In Deutschland hat die New Work Bewegung noch einiges vor sich. Ausprobieren, Lust und Neugierde, vor allem auch, sich und anderen erlauben, Fehler beim Arbeiten zu machen, liegt nicht in der deutschen Arbeits-DNA. Doch auch Deutschland verändert sich, es wird vielfältiger, diverser. Und damit auch offener für neue Wege.

· Dieser Artikel mit dem Titel „Culture Clash & New Work“ ist der erste Part einer dreiteiligen relations-Serie, die sich um „Die Zukunft der Arbeit“ unter New Work-Aspekten dreht.